Die Menschen stehen im Mittelpunkt, nicht die Technik

Die Bedeutung von Smart City beginnt sich zu ändern. Immer mehr treten neben technischen auch soziale und wirtschaftliche Aspekte in den Fokus. Welches Potenzial in modernen Städten steckt, entscheiden die Menschen, die dort leben.


Als sich vor rund fünf Jahren das Bundesamt für Energie intensiver mit dem Thema Smart City zu befassen begann, war der Begriff noch wenig fassbar und stark technologiegetrieben. Das hat sich geändert. Immer mehr treten neben technischen auch soziale und wirtschaftliche Aspekte in den Fokus. Neue Visionen von ganzen «intelligent» gesteuerten Metropolen sind entstanden. Einige fortschrittliche Städte haben mit der Realisierung von Pilotprojekten begonnen. So wie St. Gallen, wo am 6. Dezember 2016 die 5. Nationale Smart-City-Tagung stattfand. Die mit knapp 200 Leuten sehr gut besuchte und thematisch vielfältigen Veranstaltung stand unter dem Titel «Umgang mit Menschen, Daten und Geschäftsmodellen einer zukunftsfähigen Stadt».

Im Vordergrund steht die Frage: Wem nützt Smart City? Peter Jans, Stadtrat von St. Gallen, formulierte es in seiner Einleitung zur Smart-City-Tagung so: «Nicht die Technik darf der Treiber der Digitalisierung sein, sondern die Menschen. Nicht das technisch Mögliche und das wirtschaftlich Machbare, sondern der Nutzen für die Menschen soll im Zentrum der Überlegungen stehen».

Das bedeutet nichts anderes als: Erst durch das Zusammenwirken von öffentlicher Hand, Wirtschaft und Bevölkerung wird Smart City zum Erfolgsmodell.

Anstoss durch die öffentliche Hand

Zurzeit wird Smart City noch stark von den Themen Energieeffizienz und Mobilität geprägt. Sie sind der Ausgangspunkt für fast alle heutigen Smart-City-Projekte in der Schweiz. Das ist auch sinnvoll, denn diese Themen liegen bei der öffentlichen Hand. Sie kann so Impulse setzen und Erfahrungen sammeln, um die richtigen Rahmenbedingungen zu erkennen. Neben der Bereitstellung eines Breitbandnetzes gehören dazu die Regulierung der Zugänge und der Nutzung des Netzes, die Anpassung des Rechts an den Datenschutz sowie die Zurverfügungstellung staatlich erhobener Daten für die freie Nutzung.

Für letzteres plädierte an der Smart City-Tagung Matthias Stürmer, Leiter Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeit an der Uni Bern. Der grösste Teil der Daten werde von der öffentlichen Hand generiert, führte er aus. Erhebungen, die der Steuerzahler berappt. Wieso soll er also nicht davon profitieren? Skeptiker werden sagen, dass hier der Datenschutz im Weg steht. Doch es geht nicht um persönliche oder um sicherheitsrelevante Daten, sondern um anonymisierte Datensätze.

Angesichts der Dimensionen, welche die Digitalisierung der Gesellschaft bereits jetzt annimmt, sind offene Datensätze alles andere als abwegig. Beispiele gibt es in der Schweiz bereits: Das vom Schweizerischen Bundesarchiv betriebene Portal (https://opendata.swiss) ist ein gemeinsames Projekt von Bund, Kantonen, Gemeinden und weiteren Organisationen mit einem staatlichen Auftrag. Es stellt der Allgemeinheit offene Behördendaten in einem zentralen Katalog zur Verfügung. Die Stadt Zürich hält Daten online zur kostenlosen und freien Weiterverwendung bereit – auch zur kommerziellen, wie sie ausdrücklich schreibt (https://data.stadt-zuerich.ch).

Neue Geschäftsmodelle für die Wirtschaft

Daten sind zentral für die Nutzergruppe der Wirtschaft. Sie kann Arbeitsprozesse auf der Basis «smarter» Quartiere, Städte oder gar Regionen optimieren und moderne Arbeitsplätze schaffen. Die Digitalisierung bietet neue Möglichkeiten zur Gestaltung flexibler Arbeitszeiten (Homework, Telearbeit, Optimierung von Familie und Beruf) und zur Optimierung von Dienstleistungen für die Unternehmen (Banken, Treuhand etc.). «Das grosse Potenzial der Digitalisierung liegt in einer grundlegend neuen Denkweise. Die «smarte Stadt» bietet uns die Chance, Bestehendes zu hinterfragen», sagt Peter Jans.

Beeindruckend setzt dies Amsterdam um. Die europäische Metropole ist eines der Vorzeigeprojekte, was Smart City betrifft. Die moderne Stadt entwickelt sich, wie Rogier Havelaar von PostNL, dem Hauprojektträger, aufzeigte, von der Gemeinde zur Gemeinschaft. Zentralisierte werden von dezentralen Lösungen im Alltag abgelöst, Anbieter können sich dank Big Data zunehmend auf Fakten stützen, anstatt Annahmen zu treffen. Das eröffnet ungeahnte Entwicklungsmöglichkeiten.

«Smart City» darf also nicht bei Energieeffizienz und Mobilität stehen bleiben. Förderprogramme wie dasjenige des BFE sind von grossem Nutzen, um den Anstoss zu smarten Städten zu geben. Aber sie sind erst der Anfang. Die Voraussetzung ist, dass der freie Markt entscheiden kann, welche Anwendungen in einer Smart City eingesetzt werden und welche nicht. Diese Entwicklung kann – und soll – nicht staatlich gesteuert werden. Überleben wird das, was nachfragegerecht ist. Das Internet der Dinge ist Ausdruck davon.

Mitwirkung der Bevölkerung entscheidend

Neue erfolgreiche Geschäftsmodelle entstehen dann, wenn die Bürgerinnen und Bürger ihre Ideen einbringen, mitdiskutieren und sich an der Umsetzung beteiligen können, wie Paolo Sebben ausführte. Sebben begleitet mit seinem auf Smart City spezialisierten Beratungsunternehmen unter anderem das Projekt Remishueb. Die Einbindung der Bevölkerung dieses Quartiers ist den Projektleitern sehr wichtig. An Workshops werden nicht nur die Bürgerinnen und Bürger «abgeholt», sie werden auch zur Einreichung eigener Ideen motiviert. Das ermöglicht es, Investitionen gezielt einzusetzen, das Giesskannenprinzip zu vermeiden und erst noch die Zustimmung zu Projekten durch Mitsprache zu fördern.

Welches Potenzial wirklich in «Smart Cities» steckt, entscheidet sich also in erster Linie die Bevölkerung. Hier geht es um Dinge wie Familien-Organisation, Freizeit-Organisation, Gesundheit (von der Wiege bis zur Bahre), Konsum und Wohnen, aber auch um die Gestaltung der sozialen Kontakte. Für Karin Frick vom Gottlieb-Duttweiler-Institut einer der Schlüssel zum Erfolg: Die persönlichen sozialen Kontakte werden durch die Digitalisierung nicht verschwinden. Diese werde nur so weit genutzt, wie sie die Möglichkeiten zu sozialen Kontakten fördert.

Womit Karin Frick unterstrich, was schon andere Beobachter festgestellt haben: Die Bedürfnisse der Menschen ändern sich nicht, sie werden durch die Möglichkeiten einer digitalen Welt nur einfacher befriedigt. Nichts zeigt das beeindruckender als das Beispiel Online-Partnersuche. Gemäss einer von Frick zitierten Studie ist diese bereits der dritthäufigste Weg, wie sich US-Paare heutzutage kennenlernen.

Die Workshops zu Remishueb und anderen Projekten setzen den Mensch und seine Bedürfnisse in den Vordergrund. Das ist entscheidend dafür, was von all den Ideen letztlich mit Erfolg realisiert werden kann. Oder mit den Worten von Peter Jans: Es sind die Menschen, die eine Stadt «smart» machen.

22. Dezember 2016, Stefan Wyer - Blogbeitrag

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