Viertagemarsch Nijmegen - Leistungssport auf hohem Niveau

Marschveranstaltungen werden von Aussenstehenden oft belächelt. Doch sie sind Leistungssport auf hohem Niveau. Unser Partner Stefan Wyer war im Juli 2017 als Medienverantwortlicher des Schweizer Marschbataillons am legendären Viertagemarsch in Nijmegen / NL dabei.

 
 
Man darf sich von der ausgelassenen Stimmung nach den ersten beiden Marschtagen im Bierzelt von Camp Heumensoord, wo die Militärdelegationen untergebracht sind, nicht täuschen. Es stecken bereits über 80 Kilometer in den Knochen und manche Marschfüsse zeigen deutliche Spuren der Strapazen. Dabei ist erst Halbzeit. Insgesamt sind vier mal 40 Kilometer an vier aufeinander folgenden Tagen zu absolvieren, mit zehn Kilo Marschgepäck. Da die Militärgruppen von ihrem etwas abgelegenen Camp aus starten, sind es real sogar 166,6 Kilometer. Veteranen wissen: Der dritte Tag wird der schlimmste. Vor allem für die Schweizer Marschgruppen. Denn sie haben um10 Uhr einen Termin beim kanadischen Militärfriedhof in Groesbeek, nach rund 30 von 40 Kilometern der Tagesdistanz. Seit 59 Jahren ist es Tradition, dass die Schweizer Delegation hier zu Ehren der Gefallenen im Zweiten Weltkrieg und zum Gedenken an den Kampf gegen Diktatur und Tyrannei einen Kranz niederlegt. Ein sehr spezieller Moment, an dem keiner fehlen will. Deshalb ist das Tempo von Anfang an schärfer als üblich.

Militärische Tugenden gefordert

Der Viertagesmarsch ist Leistungssport. Wenn es auch nicht darum geht, als erster im Ziel zu sein, so sorgen doch Zeitlimiten und der direkte Vergleich mit Marschgruppen anderer Armeen dafür, dass das Schritttempo stets hoch bleibt. Erfolgreich ist, wer die richtige Kombination von Durchhaltewille, Lauftaktik, Marschdisziplin, Teamgeist, Führungsverantwortung und nötiger Gelassenheit findet. Ohne Vorbereitung geht das nicht. Die Sektion Schiesswesen und Ausserdienstliche Tätigkeit im VBS (SAT) verlangt mindestens 300 Trainingskilometer im Verband, um sich für Nijmegen zu qualifizieren. Mit Wochenendspaziergängen ist das nicht getan. Gelegenheit zum Training gibt es in der Schweiz genügend. Etliche Marschgruppen bieten sich hier an. Sie sind von der SAT anerkannt und erhalten entsprechende Unterstützung.

Hohe Anerkennung

Es ist schon ein erhebender Anblick, die verschiedenen Marschgruppen von weitem als Eidgenossen erkennbar inmitten der riesigen Menschenmenge zu sehen, ausstaffiert mit der eidgenössischen Standarte, dem Feldzeichen der Schweizer Armee. Die Schweizer gelten als starke Marschierer. Geschlossene Marschformationen, einheitliches Erscheinungsbild und flottes Tempo machen gewaltigen Eindruck. Die Ausfallquote betrug im helvetischen Kontingent in den letzten Jahren meist Null. Auch in diesem Jahr kommen alle Teilnehmenden ins Ziel. Einen wichtigen Beitrag dazu leistet der Stab Schweizer Marsch-Delegation Viertagemarsch. Das Marschbataillon wird von Ärzten, Sanitätern und sogar einem Armeeseelsorger begleitet. Jede Marschgruppe verfügt über einen Supporter auf dem Velo. Das "Rückwärtige" sorgt dafür, dass die zur Verfügung gestellten Unterkünfte für die Marschierenden so angenehm wie möglich ausgerüstet werden. Denn die Erholung zwischen den Etappen ist entscheidend.

Stärke der Miliz

Den Vergleich mit anderen Armeen braucht die Schweizer Delegation in keiner Art und Weise zu scheuen. Die Schweiz gehört zu den "Leading Nations" mit Anrecht auf ein eigenes Marschbataillon. Und das als Milizarmee. Die helvetische Besonderheit äussert sich denn auch in mancherlei Hinsicht: Während etwa bei der deutschen Bundeswehr das Nijmegen-Kontingent durch harte Selektion in einem speziellen Zusammenzug bestimmt wird, werden die helvetischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer grösstenteils über militärische Verbände und Vereine rekrutiert. Die einzelnen Marschgruppen organisieren sich selbst, trainieren zusammen und formen so über mehrere Jahre eine eingeschworene, leistungsfähige Mannschaft. Jede Gruppe hat ihren eigenen Charakter und Führungsstil. Die alten Hasen kennen die Strecke auswendig und wissen, wo ausserhalb der offiziellen Verpflegungsposten für ihre Gruppe weitere besondere Zuwendungen warten. So manche hat seit Jahren ausserhalb der offiziellen Verpflegungsstationen ihre speziellen Anlaufstellen bei Privaten oder in Bistros.

Nachwuchs gesucht

Die ausserdienstliche Organisation hat aber auch ihre Tücken. So ist die Herausforderung, genügend Nachwuchs zu finden, gross. Die Teilnehmerzahlen an den Märschen in der Schweiz sind seit einigen Jahren rückläufig. Der bekannteste unter ihnen, der Berner Zweitagesmarsch, verzeichnet heute noch rund 1600 Teilnehmende (Militär und Zivil). Zu den Glanzzeiten in den späten Siebzigerjahren waren es über 14 000. Das Marschbataillon für Nijmegen bestand Mitte der Sechzigerjahre aus rund 600 Mitgliedern. Danach wurde strenger selektioniert. Heute nehmen jeweils zwischen 150 und 200 Armeeangehörige am Holland-Marsch teil. 2017 sind es 160 in zehn Marschgruppen. Damit gehört die Schweizer Delegation aber immer noch zu den grösseren. Immer mehr schliessen sich traditionelle Gruppen zusammen, um gemeinsam die Mindestzahl von elf Teilnehmenden pro Marschgruppe zu erreichen. Es gibt aber auch Neugründungen zu verzeichnen. So formierte sich unlängst eine Marschgruppe der Schweizerischen Offiziersgesellschaft der Logistiktruppen SOLOG. Um die Teilnehmerzahl wieder zu erhöhen, sollen in den Schulen und Kursen der Armee Werbung für den Holland-Marsch gemacht werden. Die Kommandanten sind aufgerufen, ihre Leute für den Marsch-Sport zu begeistern. Grundsätzlich steht eine Teilnahme am Viertagemarsch in Nijmegen allen aktuellen und ehemaligen Angehörigen der Armee offen, die eine RS absolviert haben. Auf der Website der SAT sind die Bedingungen und Kontakte zu den bestehenden Marschgruppen publiziert (http://www.vtg.admin.ch/de/mein-militaerdienst/ausserhalb-des-dienstes/sat.html). Der nächste Viertagemarsch findet vom17. bis 20. Juli 2018 statt.

 

PDF: Allgemeine Schweizerische Militärzeitschrift 09/2017

28. August 2017, Stefan Wyer - Blogbeitrag

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