Gutes tun in der Adventszeit

Es gibt verschiedenste Arten, Gutes zu tun. In der Adventszeit sind Spenden für wohltätige Institutionen hoch im Kurs. Communicators arbeitet seit Jahren unentgeltlich für die Swiss Cancer Foundation. Und der Wirtschaftsjournalist Eugen Stamm arbeitet seit einem Jahr nebenbei pro bono für ein soziales Unternehmen in Zürich, die Arche Zürich. Er hat seine Eindrücke für unseren Advents-Newsletter festgehalten. 

Von Eugen Stamm, Wirtschaftsjournalist

Bis zu diesem Tag hatte ich noch nie ein Lunch-Interview mit einem Suchtkranken gehabt. Da sass ich nun aber und war ganz gehemmt: Wie macht man Smalltalk mit einem Drogensüchtigen, der aussieht wie 60, aber erst 40 Jahre alt ist? Üblicherweise rede ich ja mit Leuten aus dem Finanzsektor. Man überreicht sich zuerst Visitenkarten, diskutiert über die Märkte oder die Stimmung in London oder New York. An diesem Tag in Zürich gab es jedoch keine spiralgebundene Präsentation, an der ich mich hätte festhalten können, keinen Notenbankentscheid, der als Eisbrecher für das Gespräch nützlich gewesen wäre.

«Weisst du, ich habe jetzt schon zwei Wochenenden hintereinander kein Coci mehr genommen, nur gesoffen», sagt mir mein Gegenüber. Von da an entwickelte sich das Gespräch eigentlich ganz von selbst.

Nun wird dieser Text aber keine Nacherzählung eines Einzelschicksals. Er wird auch nicht ein Appel zur Freiwilligenarbeit, obwohl er von ihr handelt; der Text soll einzig schildern, wie und warum ich mich für eine bestimmte Sache einsetze.
  

Meine Spontanbewerbung

Ende 2016, um die Feiertage, hatte ich der Arche Zürich ein erstes Mail geschrieben. Ich fragte die Kommunikationsverantwortliche, ob Sie jemanden brauche, der freiwillig Texte für sie schreibt. Die Arche ist ein gemeinnütziger Verein mit Sitz in Zürich, mit fast 100 Angestellten ist sie ein grosses Schiff. Ihr publikumswirksamstes Geschäft ist ein Brockenhaus, das sie an der Hohlstrasse betreibt. Dorthin hatte ich früher jeweils meinen Krempel gebracht, den ich nicht mehr brauchte.

Meine Spontanbewerbung löste Erstaunen aus, aber auch Interesse und so dauerte nicht lange, bis ich mich erfolgreich selbst eingestellt hatte. Seither schreibe ich regelmässig Texte für das «Arche Info», eine der Publikationen, mit denen das NGO über seine Tätigkeit informiert. Ziel der Kommunikation ist, die Arche Zürich in der breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen. Die Arche hat viele verschiedene Aufgaben; darum besuche ich zuerst die verschiedenen Standorte, um mir ein Bild zu machen, unter anderem eben auch eines von mehreren Wohnhäusern in Zürich, wo der eingangs erwähnte Drogensüchtige lebt. Im Zimmer seiner Nachbarin, einer erwachsenen Frau, liegt ein Teddybär auf dem Bett. Ein Bild, das sich in mir eingegraben hat.

Der Kontrast zur Welt, mit der ich sonst zu tun habe, ist gross. Ein Sozialarbeiter, der Drogenabhängige betreut, spricht eine andere Sprache als ein Chief Investment Officer. Statt grossen Wörtern der Wirtschaftswelt wie «Strukturwandel» höre ich plötzlich solche wie «Tagesstruktur».
  

Es kann eigentlich jeden erwischen

Es ist schwierig, einem Leben wieder einen festen Rhythmus zu geben, wenn es diesen erst einmal verloren hat. Es müssen nicht einmal Drogen im Spiel sein. Manchmal gehen auch andere Dinge schief – wer hat nicht schon von jemandem mit einem Burnout gehört? Auf dem Biohof sprach ich bei klirrender Kälte mit Menschen, die erst einmal wieder lernen müssen, Morgen für Morgen aufzustehen und zur Arbeit zu erscheinen, statt einfach liegenzubleiben. Hier weit oberhalb der Stadt, sieht man Schicksale statt Karrieren. «There but for the grace of God go I», sagt man auf Englisch, wenn man andere im Unglück sieht: Es hätte einen genauso erwischen können.

Es tut gut, regelmässig an diesen Punkt erinnert zu werden. Und es tut gut, zu erkennen, wie viele Leute sich freiwillig für etwas einsetzen. So wie der Angestellte der UBS, der jeden Mittwoch trotz dummer Sprüche seiner Arbeitskollegen strikt um 17 Uhr das Büro verlässt, um mit dem 16jährigen Besmir Französisch zu büffeln, der jetzt bei den Prüfungen 5er bekommt statt 3er wie früher. So treffen sich in den Räumen der Arche jede Woche an die 100 erwachsene Freiwillige mit einem Kind oder einem Jugendlichen, um ihm bei den Hausaufgaben zu helfen und zu coachen. Als Motivation dazu hört man immer wieder: Mir geht es gut genug, darum möchte ich der Gesellschaft etwas zurückgeben. 

Das ist an und für sich ja nicht überraschend, schliesslich dürfte es vielen hierzulange «gut genug» gehen – aber sich von der Arbeit, die sich immer tiefer in unser Leben frisst, einfach einmal loszusagen und etwas Anderes zu machen, das ist schwerer geworden als früher.

Gegen Zeitmangel hilft folgende paradoxe Erkenntnis: Je weniger Zeit man hat, desto mehr profitiert man davon, knappe Zeit zu verschenken. Denn wenn man ein paar Stunden hergibt, fühlt man sich plötzlich wieder reicher an Zeit. Von diesem Rezept gegen die Zeitarmut hatte ich einmal gelesen, nun wollte ich es einmal testen, und tatsächlich, es hat den Praxistest bestanden.

Gleichzeitig habe ich auch dem «effektiven Altruismus» damit eine Absage erteilt. Anhänger dieser Gedankenströmung suchen Jobs, in denen sie möglichst viel verdienen, um dann möglichst viel diese Einnahmen zu spenden. So wollen sie die grösstmögliche positive Wirkung erzielen. Das klingt ohne Zweifel sehr effizient.

  
Der Wert des aktiven Engagements

Meiner Meinung nach besitzt es aber schon einen Wert für sich allein, sich näher mit einer Sache zu befassen, statt bloss Schecks zu schreiben. So kann ich sagen: mit meiner Freiwilligenarbeit prüfe ich eigentlich auch die Arche als Organisation. Weil ich mittlerweile ziemlich genau weiss, wofür die Arche ihre Mittel einsetzt, motiviert mich das wiederum mehr, mich für sie einzusetzen, auch mit Spenden. Und deshalb brauche ich Ende Jahr auch keinen Brief mit beigelegtem Einzahlungsschein, der mich daran erinnert. 

In der Schweiz engagiert man sich selbstverständlich finanziell für Gutes, redet aber nicht darüber. Der zweite Teil dieser Tradition ändert sich langsam. Eine jüngere Generation von Spendern, oft Unternehmer, werden zu Botschaftern einer Sache. Sie möchten sich nicht nur selbst engagieren, sondern auch andere dazu anstiften.

Auch ich wurde durch ein Vorbild inspiriert, etwas zu tun. Die Selbstverständlichkeit, mit der diese Person sich schon seit Jahren für ein ähnliches Werk in einer anderen Stadt einsetzt, findet man hierzulande, da bin ich mir sicher, viel und häufig vor. Und das wird sich, so hoffe ich, nie ändern. 

www.archezuerich.ch

13. Dezember 2017, Roland Cecchetto - Blogbeitrag

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