Grossartige Tribüne für die Schweizer Armee

Vom 19. bis 22. Juli 2017 fand im holländischen Nijmegen zum 101. Mal der legendäre Viertagemarsch statt. Die Schweiz war zum 59. Mal mit dabei. Rund 160 militärische Marschierende schafften die 4 mal 40 Kilometer ohne einen einzigen Ausfall.

«Du musst es selber erlebt haben, um es zu beschreiben» Oberst Edgar Gwerder, Kommandant der Schweizer Marschdelegation

von Oberstlt Stefan Wyer, PIO Schweizer Marschdelegation Viertagemarsch Nijmegen/NL
 

Camp Heumensoord, 0400 frühmorgens: Die Anspannung ist gross. Die Müdigkeit des vorherigen Tages ist endgültig aus den Gliedern gewichen, allfällige Blasen oder Druckstellen scheinen verschwunden zu sein. Die 10 Gruppen des Schweizer Marschbataillons stehen erwartungsvoll zum Ausmarsch bereit. Unzählige Trainingskilometer im Vorfeld haben sie zusammengeschweisst. Man spürt die Kraft des Verbandes, wenn sich die Gruppen morgens auf Kommando in Bewegung setzen, um die nächste Etappe des berühmten Viertagemarsches von Nijmegen unter die Füsse zu nehmen.
 

Riesiges wanderndes Volksfest

Der «Walk of the World» oder die «Vierdaagse», wie ihn die Holländer nennen, ist der grösste Anlass seiner Art weltweit. Wer mal dabei war, der weiss, warum: Rund 48'000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer - darunter etwa 5000 militärische - nehmen in diesem Jahr am Marsch teil. Um ein Vielfaches mehr säumt während der ganzen vier Tage den Strassenrand. Und zwar seit dem frühen Morgen. Kaum zweihundert Meter ausgangs von Camp Heumensoord, der Militärbasis für den Viertagesmarsch, stehen schon die ersten Zuschauerinnen und Zuschauer und feuern die Marschierenden an. Für die Einheimischen sind die «Vierdaagse» ein Höhepunkt im Jahreskalender. Viele von Ihnen haben schon Tage vorher ihre Campingstühle an den Strassenrand gestellt, um sich die besten Plätze zu sichern. Manche scheinen auch schon dort übernachtet zu haben. Und wenn es heiss wird, dann scheuen sich die Holländer auch nicht, den Marschkolonnen aus Badewannen und Planschbecken heraus zuzujubeln.

Die Herzlichkeit und die Fürsorglichkeit, die die Marschierenden erfahren, sind enorm. Wer das Frühstück vergessen hat oder keine Zeit mehr dazu hatte, erhält unterwegs genügend Verpflegung von der Bevölkerung. Die Marschierenden verdanken es, in dem sie tausende von Kinderhänden abklatschen, kleinere Give-aways verteilen oder Marschlieder singen. Das ist auch ein gutes Rezept, um wunde Füsse zu vergessen. Da singen schon mal zwei Gruppen aus unterschiedlichen Formationen und Ländern gemeinsam für ein paar Kilometer. Die «Vierdaagse» sind im wahrsten Sinn des Wortes völkerverbindend.
 

Passend zur Miliz

Seit 59 Jahren entsendet die Schweiz regelmässig eine Delegation an den internationalen Viertagemarsch in Nijmegen. Dieses Jahr waren 160 Marschierende in 10 Marschgruppen mit dabei. Es ist die beste Bühne, auf der sich die Schweizer Armee der Öffentlichkeit präsentieren kann. Denn die Schweizer gelten als starke Marschierer und sind sehr beliebt.

Das hat wohl auch mit der Besonderheit der Milizarmee zu tun. Anders als bei anderen Streitkräften werden die helvetischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer grösstenteils über militärische Verbände und Vereine rekrutiert. Ausnahmen sind das Infanterie-Durchdiener-Bataillon 143 und die Marschgruppe der Päpstlichen Schweizer Garde. Aber allen gemeinsam ist die Freude an der Leistung. Alle haben ihre Eigenheiten, ihren Führungsstil. Die alten Hasen kennen die Strecke auswendig und wissen, wo ausserhalb der offiziellen Verpflegungsposten für die Schweizer weitere besondere Zuwendungen warten. Es geht nicht um Zeit, es geht um das Durchkommen im Verband. Kein einziger Teilnehmer fällt in diesen vier Tagen aus. Die Schweizer Marschgruppen zeichnen sich durch geschlossene Marschformationen, flottes Tempo und eine gewisse Lockerheit aus, die wohl nur eine Milizarmee so leben kann. Die Standarten der einzelnen Gruppen sind schon von weitem sichtbar. Kaum ein TV-Bild, auf dem nicht eine von ihnen zu sehen ist. Das gefällt dem lebenslustigen holländischen Publikum natürlich sehr.
 

Die besonderen Momente

Und dann sind da noch die stillen Momente. Es ist Tradition bei der Schweizer Delegation, dass sie am dritten Marschtag auf dem kanadischen Soldatenfriedhof in Groesbeek für Gefallene des zweiten Weltkriegs einen Kranz niederlegt. Jeder Armeeangehörige hat anschliessend die Möglichkeit, an einem der zahllosen Gräber eine Rose abzulegen, einen Moment ganz persönlich inne zu halten und darüber nachzudenken, welche Opfer der Kampf gegen die Tyrannei erfordern kann. Ein aufwühlender Moment, der einem vor Augen führt, weshalb es immer noch Armeen zum Schutz der Gesellschaft braucht.

Der Auftritt der Schweizer ist in der Tat beeindruckend. Den Vergleich mit anderen Armeen brauchen sie in keiner Art und Weise zu scheuen. «Wir können da ohne weiteres mithalten», sagt Oberst Edgar Gwerder, Kommandant des Marschbataillons. «Wir sind eine der grössten Delegationen und gehören hier zu den «Leading Nations" mit Anrecht auf ein eigenes Marschbataillon.» Gwerder ist selber ein Veteran der «Vierdaagse». Zusammen mit Brigadier Germaine Seewer, offizielle Delegationsleiterin und selber mehrmalige Teilnehmerin am Viertagemarsch, begleitet er die Marschgruppen abschnittsweise. «So können wir am besten spüren, wie hoch die Moral der Truppe ist.» 

Eine weitere Besonderheit ist die Schweizer Woche in Bemmel, einem der Durchgangsorte rund um Nijmegen. Hintergrund ist die Zeit während und nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Schweiz holländische Kinder zur Genesung aufgenommen hat. Für den Höhepunkt sorgt in diesem Jahr die Harmoniemusik Kriens mit ihrem Galakonzert. Sie begleitet auch den Fahneneinzug des Marschbataillons am Eröffnungstag und sorgten beim grossen Einzug der Marschierenden am Schluss des 4. Tages über die über 5 Kilometer lange «Via Gladiola» dafür, dass die Schweizer einen grossartigen Schlussauftritt haben. Oberst Gwerder hat sich dafür auch was Spezielles einfallen lassen. So marschiert an der Spitze die Marschgruppe der Päpstlichen Schweizer Garde in ihren traditionellen Uniformen und das Bataillon wird von den Kantonsfahnen umrahmt. Ein prächtiges Bild.
 

Teilnahme-Jubiläum im 2018

Der nächste Viertagemarsch in Nijmegen ist vom 17. bis 20. Juli 2018. Dann feiert die Schweiz ihre 60. Teilnahme. Für Oberst Gwerder ist klar, dass dann die Schweizer Marschdelegation noch markanter auftreten wird.

 

 

Eine Teilnahme am Viertagemarsch in Nijmegen steht alle Angehörigen Armee offen, die eine RS absolviert haben. Es gilt ein Höchstalter von 65 Jahren. Marschiert werden je 40 Kilometer pro Tag mit einem Mindestgepäck von 10 Kilo. Um dabei zu sein, muss man mindestens 300 Kilometer im Gruppenverband trainiert haben. Die erfolgreiche Absolvierung des Schweizerischen Zweitagemarsches in Bern/Belp ist ebenfalls Voraussetzung. Der einfachste Weg für die Anmeldung führt über eine der anerkannten Marschgruppen. Nähere Angaben finden sich auf der Website der Abteilung Schiesswessen und Ausserdienstliche Tätigkeit SAT. Mehr

 

PDF: armee.ch 2/17

19. Januar 2018, Stefan Wyer - Fachartikel

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1 comments

Daniel

03. Februar 2018

Super Bericht.

Guten Abend Stefan. Herzliche Gratulation zu diesem tollen Holland Bericht. Wenn ich noch nie in Nijmegen gewesen wäre würde ich jetzt einmal kommen;-) Ich hoffe da geht vielen Lesern genau so! Ich freue mich auf die neue Saison und hoffe Dich auch anzutreffen.Dani