Weltspitze und niemand weiss es

Die Biotechnologie gehört zu den erfolgreichsten Branchen der Schweiz und leistet einen grossen Beitrag zur Weltgesundheit. In der Öffentlichkeit und bei Entscheidungsträgern ist dies jedoch wenig bekannt. Michael Altorfer will dies ändern. Seit Januar ist er CEO der Swiss Biotech Association (SBA) und will der Biotechnologie mit "Success Stories" zu der Anerkennung verhelfen, die sie verdient.

Michael Altorfer, Sie sind seit Anfang 2018 CEO der SBA. Wie möchten Sie den Verband weiterentwickeln? Wo werden Sie Akzente setzen?
Die Schweiz zählt zu den weltweit führenden Biotech-Hubs und zieht viele ausländische Firmen, Fachkräfte und Investoren an. Das führte dazu, dass die hiesige Biotech-Industrie in den letzten 10 Jahren um über 50 Prozent gewachsen und heute einer der innovativsten und wertvollsten Industriezweige der Schweiz ist. Sie bietet 50'000 Arbeitsplätze und ist zusammen mit der pharmazeutischen und chemischen Industrie für mehr als 40 Prozent der Exporte verantwortlich. Dies ist nur möglich dank der ausgezeichneten Bildungslandschaft, der politischen und rechtlichen Stabilität, der exzellenten Infrastruktur, den attraktiven regulatorischen und fiskalischen Rahmenbedingungen sowie der hohen Lebensqualität. Ich werde mich mit der SBA dafür einsetzen, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen attraktiv bleiben, damit die Schweiz ihre Spitzenposition halten und ausbauen kann.
Dies bedingt zu allererst, dass wir bei Entscheidungsträgern und der breiten Bevölkerung Verständnis für die Anliegen der Branche wecken und ihre Bedeutung bekannt machen. Wir müssen der Biotechnologie aber auch helfen, aus dem Schatten anderer Branchen herauszutreten, und aufzeigen, dass sie mit ihrer Leistung die Gesundheit und Lebensqualität weit über die Landesgrenzen hinaus entscheidend verbessert.

Wertschöpfung und Innovationskraft der Biotechnologie sind hervorragend. Gibt es trotzdem Herausforderungen, die für die Branche und die SBA anstehen?
Die grösste Herausforderung wird es sein, die genannten guten Rahmenbedingungen zu erhalten und zu verbessern. Aber wir kennen durchaus weitere Herausforderungen, die uns beschäftigen. So wurde zwar in den letzten Jahren jeweils rund 1 Milliarde Franken pro Jahr in Schweizer Biotech-Firmen investiert, doch ist es bemerkenswert, dass dieses Kapital mehrheitlich aus dem Ausland kommt. Um dies zu ändern, arbeiten wir mit Finanzinstituten daran, attraktive Anlagemöglichkeiten zu entwickeln, die die unterschiedlichen Risikobedürfnisse der Investoren befriedigen.
Schliesslich streben wir international eine Harmonisierung der Regulationen an. Bedenklich ist hier vor allem, dass verschiedene Länder den Patentschutz schwächen und Preisobergrenzen für Medikamente durchzusetzen wollen. In Anbetracht der hohen Kosten für Forschung und Entwicklung sind solche Bestrebungen fatal, weil sich Investitionen nicht mehr auszahlen und Investoren das Interesse verlieren.

Am Swiss Biotech Day 2018 haben Sie die "Success Stories" lanciert. Worum geht es dabei?
Um die Branche sichtbarer zu machen, zeigen wir an konkreten Beispielen, wie Unternehmen dazu beitragen, Patienten zu helfen und die Gesundheitsversorgung weltweit zu verbessern - und damit auch einen wertvollen Beitrag zur Schweizer Volkswirtschaft leisten. Die diesjährigen Success Stories sind die fünf Firmen Biogen, Roche Glycart, Okairos, Selexis und Vifor Fresenius Medical Care Renal Pharma. Sie bestechen durch neue Geschäftsmodelle, innovative Technologien und revolutionäre Wirkstoffe.
In den nächsten Monaten werden wir die Geschichten bekannt gemacht, um der Öffentlichkeit die Wichtigkeit und die Erfolgsfaktoren der Biotech-Industrie aufzuzeigen. Wie erwähnt ist es zentral, dass Entscheidungsträger verstehen, was es braucht, damit die Industrie sich weiterentwickeln und ihre Wettbewerbsfähigkeit behalten kann. Gleichzeitig wollen wir aber auch junge Talente für unsere Industrie begeistern und sie dazu motivieren, sich mit den Berufsbildern unserer Branche auseinanderzusetzen. Als erfolgreicher und boomender Wirtschaftszweig sind wir auf viele begeisterungsfähige und gut ausgebildete Nachwuchskräfte angewiesen.

 

Die Success Stories 2018 

 

  • Biogen gehört zu den weltweiten Pionieren der Biotech-Branche, beschäftigt weltweit mehr als 7'500 Mitarbeiter, hat seinen internationalen Hauptsitz in Zug und baut in Luterbach für rund 1,5 Milliarden Franken eine riesige Produktionsanlage, die 2019 in Betrieb genommen werden soll.
  • Roche Glycart besticht durch eine Geschichte aus dem Bilderbuch: An der ETH Zürich wurde eine neue Technologie zur Verbesserung von Antikörper-Wirkstoffen entwickelt, woraus unter dem Namen Glycart ein Spin-out entstand. Roche entdeckte den Wert der Technologie und kaufte das Biotechunternehmen. Die Technologie von Glycart wird heute in der Entwicklung von Produkten von Roche Glycart eingesetzt und auf den Markt gebracht.
  • Selexis entwickelt selbst keine neuen Medikamente, stellt aber den forschenden Biotech- und Pharmafirmen eine Technologie zur Verfügung, die die Herstellung von innovativen Produkten ermöglicht und inzwischen von über 100 forschenden Firmen eingesetzt wird.
  • Das italienische Unternehmen Okairos hatte eine neue Art von Impfstoffen entwickelt und kam in die Schweiz, um sich im innovationsfreundlichen Schweizer Biotech-Umfeld optimal entwickeln zu können. Inzwischen wurde Okairos von GSK entdeckt und aufgekauft.
  • Mit Vifor und Fresenius haben sich ein Biotech- und ein Medtech-Unternehmen zusammengetan, um eine gemeinsame Firma zu gründen, die neue Therapien für Patienten mit Nierenkrankheiten zur Verfügung stellt. Als Plattform unterstützt diese die klinische Entwicklung von Medikamenten und ermöglicht den Patienten einen einfachen Zugang zu den für sie wichtigen Medikamenten. Heute wird die Plattform auch von grossen Pharmafirmen genutzt, die ihre Produkte an Vifor/Fresenius auslizenzieren.

 

 

 

06. Juli 2018, Maurice Desiderato - Blogbeitrag

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