Die Patrouille des Glaciers: Ultimativer Härtetest

Der Parcours von Zermatt nach Verbier über Fels und Eis, zwischen 1500 und 3600 Metern über Meer, verlangt von den Athletinnen und Athleten alles ab. Soeben ist die Anmeldefrist abgelaufen. Zu erwarten ist, dass sich erneut weitaus mehr Teams gemeldet haben, als Startplätze vorhanden sind. 

«Die PDG ist kein gewöhnliches Rennen, sie ist ein Mythos». Oberst Max Contesse, Kommandant der Patrouille des Glaciers

von Oberstleutnant Stefan Wyer

Es ist wieder da, das PDG-Fieber. Vom 17. bis 21. April 2018 findet die Patrouille des Glaciers zum 20. Mal statt, die drei Austragungen in den Vierzigerjahren eingerechnet. Rund 1500 Dreier-Teams werden zugelassen, Interessenten gibt es aber fast doppelt so viele. Wer die PDG einmal erlebt hat, den lässt sie so schnell nicht wieder los. Mit 4000 Höhenmetern und über 53 Kilometer Distanz im Walliser Hochgebirge gilt sie als die Krönung unter den Skitourenrennen, vergleichbar mit dem Iron Man von Hawaii für die Triathleten.
 

Höchste alpinistische Anforderungen

Längst sind aber nicht mehr nur eingefleischte Bergler am Start. Immer mehr wagen sich auch Quereinsteiger an das grosse Abenteuer in den Alpen.

Gestartet wird in der Nacht, in verschiedenen Blöcken zwischen 2200 und 0300 morgens, unter den Anfeuerungsrufen der zahlreichen Zuschauerinnen und Zuschauer. Die ersten 1000 legen die Patrouillen zu Fuss zurück, im April liegt hier bereits kein Schnee mehr. Erst im Stafel schnallen die Wettkämpferinnen und Wettkämpfer die Skier an, folgen dann für 4 Kilometer einem relativ flachen Teilstück und steigen anschliessend nochmals 1000 Höhenmeter zum höchsten Punkt der Strecke auf, der Tête Blanche. Auf der anderen Seite folgt die lange Abfahrt nach Arolla. In der Dunkelheit angeseilt, über zerklüftete Gletscher und im Gedränge der verschiedenen Patrouillen stellt das höchste Anforderungen an die Athleten. Zumal aus Sicherheitsgründen eine Zeitlimite in Arolla einzuhalten ist. Denn wer bis 0630 den Kontrollposten dort nicht passiert hat, wird rausgenommen. Jeder Gebirgler weiss, dass man die heiklen Hänge auf der zweiten Streckenhälfte noch vor dem Mittag passiert haben muss, sonst besteht die Gefahr, in einen Schneerutsch zu geraten.

In Arolla fädeln die Startenden der «Kleinen Patrouille» ein. Da gilt es möglichst rasch den Flaschenhals des Col de Riedmatten hinter sich zu lassen. Die Passage ist gebirgstechnisch nicht ganz ohne. Das rutschige Couloir nach dem Felsübergang an den Fixseilen runterzusteigen, ist nicht jedermanns Sache. Um das Engnis zu entschärfen, hat das Kommando der PDG 2016 weiter südlich einen zweiten Übergang eröffnet, den Col de Tsèna Réfien.

 
Im Kopf muss es stimmen

Die Patrouille des Glaciers ist und bleibt ein Hochgebirgs-Wettkampf, in dem alpine Erfahrung notwendig ist. Seit einigen Jahren bietet die Armee Trainingscamps dafür an. Der Schweizer Alpen-Club empfiehlt zudem die kleineren zivilen Rennen – von denen es in der Schweiz mittlerweile eine stattliche Anzahl gibt –, um sich die nötige Renn- und Gebirgspraxis zu erwerben. Je mehr, desto besser. Denn die PDG ist nicht nur physisch anspruchsvoll. Auch mentale Stärke ist gefragt. Nach dem Zwillingspassage Riedmatten / Réfien folgen die lange, «tödliche» Flachpassage entlang dem Stausee der Grande Dixence sowie eine erneute Zeitguillotine in La Barma. Ihr sind auch schon prominente Athleten zum Opfer gefallen. Wer durchkommt, auf den wartet der kräftezehrende Aufstieg zu Fuss durch das Couloir der Rosa Blanche. Meist in brütender Sonne, und – wenn das Ziel fast schon vor Augen ist und die Muskeln brennen – die kurze aber giftige Überquerung des Col de la Chaux. Nur mit dem richtigen Mass an Teamgeist, Führungsverantwortung, Durchhaltewille und einer ausgefeilten Lauf- und Ernährungstaktik ist es möglich, den Herausforderungen der PDG gerecht zu werden. Die militärische Tugend «Disziplin» wird zum entscheidenden Erfolgsfaktor. Einzelkämpfer sind nicht gefragt.

 
Ohne Armee nicht durchführbar

Drei Mal ist es bisher vorgekommen, dass die PDG in Arolla vorzeitig abgebrochen werden musste. 1986 wurden die Organisatoren von einem Wetterumsturz überrascht. In der Folge präzisierte die Armee ihre Wetterprognosen dank eigenen Meteorologen. Denn die Verhältnisse können im Mikroklima der drei Geländeräume um Zermatt, Arolla und Verbier sehr verschieden sein. 2002 versperrte eine Lawine den Weg nach Verbier. Und 2010 stoppte ein Wärmeeinbruch das Rennen. Das Wetter im Hochgebirge ist und bleibt letztlich unberechenbar. Das wissen auch die Teilnehmenden. Als 2016 erstmals einer der beiden Durchgänge gar nicht erst gestartet werden konnte, so war das zwar bitter für die Betroffenen. Aber man hörte kaum ein Wort des Zorns gegenüber den Verantwortlichen. Das Vertrauen in die Armee als Organisator ist gross. In keinem anderen Rennen werden die Sicherheitsmassnahmen so akribisch geplant und durchgesetzt wie bei der Patrouille des Glaciers.

Die Ansprüche an Infrastruktur, Verbindungstechnik, Rettungsorganisation, Logistik und Führung sind hoch. Um die Material- und Rettungsflüge gewährleisten zu können, wird der Luftraum über der PDG gesperrt. Die Luftwaffe hat die absolute Hoheit. Selbst Drohnen zum Filmen sind verboten. 2018 werden das Gebirgsinfanteriebataillon 7 und das Stabsbataillon der Territorialdivision 1 Unterstützung leisten, zusammen mit der Sanitätskompanie 6, den Gebirgsspezialisten, Elementen des Richtstrahl-Bataillons 21, und weiteren Spezialtruppen. Auch wenn der Anteil ziviler Unterstützung nicht vernachlässigt werden darf: Ohne militärische Ordnung und Support ist ein Rennen dieser Grössenordnung kaum durchzuführen.  Genau dies aber ist die Grundlage für den hervorragenden Ruf, den die Patrouille des Glaciers weit über die Landesgrenzen geniesst.

 

PDF: armee.ch 2/17

30. January 2018, Stefan Wyer - Fachartikel

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