Von der Maximierung zur Optimierung

Unsere Einstellung zur Arbeit wandelt sich, ob wir wollen oder nicht.

Was muss eine ältere Person tun, um auf dem Arbeitsmarkt noch einen Job zu kriegen? Die Bilanz von Andreas Rudolph, zusammengefasst am Swiss Future of Work Forum am 15. Mai in Bern: Die Arbeitnehmenden müssen bereit sein spätestens ab Mitte 40 eine Bilanz zu ziehen, wo sie stehen und was sie noch erreichen wollen. Die Politik muss die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes ermöglichen und die soziale Absicherung entsprechend anpassen. Und: Die Medien sollen aufhören, die Vermittelbarkeit von über 50-Jährigen auf dem Arbeitsmarkt schlecht zu reden. Das reduziert ihre Chancen bei den Arbeitgebenden beträchtlich.

Rudolph, Initiator des Forums und Managing Director bei Lee Hecht Harrison Schweiz, weiss, wovon er spricht. Eine LHH-Studie hat die Chancen der «Ü50» auf dem Arbeitsmarkt untersucht: Sie stehen nicht schlechter da als andere Bevölkerungsgruppen. Aber sie müssen sich flexibel zeigen, sich selbst besser vermarkten und auch sogenannte «Bogenkarrieren» in Kauf nehmen. Das heisst, sie müssen bereit sein, auch weniger qualifizierte Jobs mit weniger hohem Salär zu akzeptieren. Entscheidend ist die Bereitschaft zur frühzeitigen Weiterbildung, möglichst noch vor einer Kündigung.

Die «lineare Karriere» ist out

Das tönt einfach. Doch die Sache hat einen Haken. Die in den 60ern geborene Generation – und wohl auch manche Jüngeren – sind mit einer anderen Erwartungshaltung in ihr Arbeitsleben gestiegen. Nämlich: Von der Ausbildung bis zur Pensionierung verlaufen Karriere und Salär stetig nach oben, die Arbeit hat einen zentralen Stellenwert, Freizeit versteht sich primär als die Zeit, in der man nicht arbeitet, und die Berufswahl ist eine der wichtigsten Entscheidungen im Leben. Das Arbeitsleben war noch für diese Generation der heutigen Ü 50 der zentrale Dreh- und Angelpunkt des Lebens, mit einem klaren Anfangs- und Endpunkt. Ziel war die Maximierung des Arbeitslebens: so viel wie möglich arbeiten und verdienen. Darauf ist auch das Altersvorsorgesystem ausgerichtet. Oder die Abzahlung der Hypotheken.

Für jüngere Generationen steht dagegen immer weniger die Arbeit im Vordergrund. Sie dient dazu, die nötigen Mittel für die generelle Lebensgestaltung bereitzustellen. Das Arbeitsleben ist Teil einer Optimierung der sogenannten Work-Life-Balance. Oder, wie es ein findiger Kopf kürzlich formulierte, eine Absage an die Burnout-Generation. In diesem Konzept sind Stellenwechsel, lebenslanges Lernen, Weiterentwickeln von Kompetenzen, Ausprobieren von Neuem enthalten. Arbeiten so viel wie nötig, um die Selbstverwirklichung zu ermöglichen.

Die «Wellenkarriere» braucht Raum
Diese Generationen wachsen so schon viel flexibler in den Arbeitsmarkt hinein. Das zeigt sich an der steigenden Beliebtheit der Teilzeitarbeit, der Forderung nach besserer Vereinbarkeit von Familie und Beruf, der Bereitschaft zu mehr Mobilität, aber auch an der Bereitschaft, vorübergehend die Arbeitslosenversicherung in Anspruch zu nehmen, sollte gerade mal eine passende Anschlusslösung fehlen. Man könnte von einer «Wellenkarriere» sprechen.

Die Forderungen von Rudolph werden sich eines Tages von selbst erfüllen, wenn die heutigen «Jungen» dereinst selbst zu den «Ü50» gehören. Doch dafür braucht es andere Konzepte für den Arbeitsmarkt, die bereits heute aufgegleist werden müssen. Rahmenbedingungen, welche die Lebens- und Arbeitsauffassung der jungen Generationen aufnehmen und ihnen Raum für die Wellenkarriere geben. Das ist die grosse Herausforderung für die heutigen Politikerinnen und Politiker, die zu einem Grossteil selbst in den 60er- und 70er-Jahren geboren wurden und eine «lineare» Karriere als normal ansehen. Sie müssen für die Älteren der Gegenwart Übergangslösungen finden und gleichzeitig den gesellschaftlichen Veränderungen für die nachfolgenden Generationen Rechnung tragen, ohne ihre soziale Absicherung auszuhöhlen. Mit Überbrückungsrenten für ältere Arbeitnehmende allein ist es nicht getan.

01. July 2019, Stefan Wyer - Blogbeitrag

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