Es gibt kein Arbeitsmarktproblem «50plus»

Über 50-Jährige finden nie mehr einen Job. So jedenfalls die gängige Meinung. Die neusten Daten des Bundes zeigen: Es lässt sich nach wie vor nicht von einem generellen Arbeitsmarktproblem der Älteren sprechen.

Personen, die die 50 überschritten haben, finden nie mehr einen Job. So jedenfalls die gängige Meinung. Das Thema wird von Medien mittels Einzelschicksalen gepusht. Die Politik macht mit, weil damit viele Stimmen gewonnen werden können. Und die Bevölkerung bestätigt, weil jeder einen über 50-Jährigen kennt, der schon lange arbeitslos ist.
So einfach ist es aber nicht. Die neusten Daten des Bundes zeigen: Es lässt sich nach wie vor nicht von einem generellen Arbeitsmarktproblem der Älteren sprechen. Deren Arbeitslosenquote und Sozialhilfequote sind nach wie vor unterdurchschnittlich. Die Erwerbstätigenquote ist im internationalen Vergleich hoch und steigt weiter.

Richtig ist zwar, dass die Arbeitslosigkeit bei Älteren durchschnittlich länger dauert, nämlich rund 270 Tage gegenüber 170 Tagen bei Jüngeren. Trotzdem ist festzuhalten, dass die 85 Prozent der über 55-jährigen Arbeitslosen wieder eine Stelle findet. Der oft gehörte Hinweis, wonach ältere Stellensuchende «ohnehin keine Chance» haben, stimmt somit weiterhin nicht.
Und, noch viel wichtiger ist die Erkenntnis, dass Arbeitgeber und Personalverantwortliche zwar Vorurteile gegenüber älteren Arbeitnehmenden haben, dass aber nicht generell von einem «Problem der Älteren» gesprochen werden kann, sondern dass die Chancen der Betroffenen stark von der persönlichen Situation abhängen. Dazu zählen:

  • Selbstvermarktung: 50plus sind sich oft nicht (mehr) gewohnt, sich auf dem Arbeitsmarkt gut zu «verkaufen».
  • Selbstbewusstsein: Viele 50plus glauben, als «altes Eisen» auf dem Arbeitsmarkt keine Chance mehr zu haben.
  • Firmen-Spezialisten: Es gibt 50plus, die während 10 bis 20 Jahren eine sehr spezifische Tätigkeit in einer Firma ausgeübt haben, die es in anderen Firmen nicht gibt.
  • Überholtes Know-how: Das Prinzip des lebenslangen Lernens wird viel zu oft vernachlässigt, wodurch die beruflichen Kompetenzen über die Jahre erodieren.
  • Kosten: Viele 50plus haben hohe Gehaltsvorstellungen – ein Rückschritt kommt nur selten in Frage.
  • Gesundheit: In gewissen Berufsgruppen haben ältere Stellensuchende vermehrt gesundheitliche Probleme.
  • Digitalisierung: Der rasante technologische Umbruch der letzten Dekaden hat die Ausgangslage am Arbeitsmarkt für ältere Arbeitslose zusätzlich erschwert. Diese verfügen öfters über ungenügende Kenntnisse der gängigen Informatiktechnologien und -werkzeuge.
  • Mobilitätsbereitschaft: Ältere Arbeitnehmer verfügen in der Tendenz über eine tiefere berufliche und örtliche Mobilitätsbereitschaft als ihre jüngere Konkurrenz.

Trotz dieser individuellen Unterschiede werden die 50plus gerne als homogene Gruppe dargestellt. Nur so ist zu erklären, dass derzeit Instrumente wie Überbrückungsrente, Kündigungsschutz und Anti-Diskriminierungs-Gesetz diskutiert werden. Solche Instrumente mögen politische Erfolge versprechen, einer Arbeitsintegration von 50plus helfen sie hingegen nicht. Im Gegenteil: Man kann Überbrückungsrenten wollen – man muss sich aber bewusst sein, dass es sich dabei um eine Massnahme zur Existenzsicherung handelt und nicht etwa um eine Förderung der Arbeitsintegration von 50plus. Im Gegenteil senkt eine Rente den Anreiz, eine neue Stelle zu finden bzw. einen 50plus einzustellen.

Was es stattdessen braucht, ist Aufklärung.

Arbeitgeber müssen Vorurteile abbauen und stärker erkennen, welchen Wert sie mit älteren Angestellten bekommen und dass eine durchmischte Belegschaft ein grosser Vorteil sein kann. Dies gelingt nur, wenn das Image der 50plus in der gesamten Gesellschaft eine Korrektur erfährt. Es ist nämlich beispielsweise absurd, einen 52-Jährigen als «älteren Arbeitnehmer» zu bezeichnen. Noch nie waren 50-Jährige so fit wie heute.
Dabei wird helfen, dass die älteren Arbeitskräfte neben Frauen eine entscheidende Rolle spielen werden, um den sich intensivierenden Fachkräftemangel abzudämpfen. Gemäss Prognosen des Bundesamtes für Statistik dürften bei gleichbleibenden Rahmenbedingungen bereits 2030 rund eine halbe Million Arbeitskräfte auf dem Schweizer Arbeitsmarkt fehlen.

Wer aber allein die Arbeitgeber in der Pflicht sieht, liegt weit daneben. In der Pflicht stehen nämlich alle, jeder für sich. Wir alle müssen erkennen, dass wir nicht darum herumkommen, uns ein Leben lang weiterzubilden und up-to-date zu halten. Während früher ein Strukturwandel mit dem Generationenwechsel aufgefangen werden konnte, ändert sich die Arbeitswelt heute während eines Arbeitslebens gleich mehrfach. Gleichzeitig müssen wir flexibel bleiben, nicht nur in Bezug auf den Arbeitsort und die Arbeitsaufgaben, sondern auch auf die Lohnsumme: Als Gesellschaft sollten wir nämlich akzeptieren, dass es nicht immer nur nach oben geht – zumal die grossen Investitionen in der Regel zwischen 30 und 50 getätigt werden. Das aufkommende Modell der Bogenkarriere zeigt, dass es durchaus denkbar ist, dass in Zukunft nicht mit der Pensionierung der plötzliche grosse Schnitt kommt, sondern dass bereits vorher ein Gang zurückgeschaltet und schrittweise Verantwortung abgegeben wird.

Dies alles zeigt: Eine falsche Dramatisierung des Themas «50plus» hilft niemanden. Gefragt ist eine breite, ernsthafte und faktenbasierte Diskussion – und die Akzeptanz der unangenehmen Tatsache, dass uns nicht der Staat retten kann, sondern dass wir dies selbst tun müssen.

09. December 2019, Maurice Desiderato - Blogbeitrag

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