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Stilblüten der Finanzsprache


Dass sich die Schweizer Bevölkerung in Finanzfragen eher als Analphabeten statt als Spezialisten auszeichnet, könnte auch daran liegen, dass die PR-Abteilungen der Finanzhäuser statt verständlicher Botschaften unverständliches Geschwurbel produzieren.


Foto: Pixabay.com

Was PR-Abteilungen von Finanzfirmen zu Anlagethemen absondern, ist vielfach zwar ernst gemeint, kann aber nicht immer ernst genommen werden. Man sollte sich zum Beispiel nicht von inneren Widersprüchen wie «Aktien sind trotz teilweise hoher Bewertungen nicht teuer» abschrecken lassen. Der normale Menschenverstand sagt zwar, dass alles, was hoch bewertet auch teuer ist, aber das gilt natürlich nicht für den Finanzsektor. Man kann also getrost teure Aktien kaufen, vielleicht werden sie ja noch teurer.


Der Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt, um mit unverständlichem Finanzsprech einen vermeintlichen Mehrwert zu bieten: «Die Marktbreite ist hoch und es findet eine gesunde Sektorrotation statt.» Da möchte man sich gar nicht ausmalen, in welche stilistische Höhen sich diese Breite noch entwickeln wird. Und siehe da, es geht im gleichen Outlook ähnlich erhellend weiter: «Dieses zweischneidige Schwert sollten die Anleger daher im Auge behalten und regelmässig neu bewerten.»


Da die Aufmerksamkeitsspanne der Leserschaft markant abgenommen hat, dürfen die Superlative der Irrelevanz nicht zu kurz kommen. So hat kürzlich ein Digitalversicherer «die schnellste Motorfahrzeug-Versicherung der Schweiz» lanciert. Das bringt doch jeden vernünftigen Autofahrer im Nu von Null auf Hundert, wenn er in Zukunft von einer Versicherung mit einer «Reaktionszeit von unter 100 Millisekunden» profitieren kann.


Ganz gewitzte PR-Strategen schrecken für das ultimative Alleinstellungsmerkmal auch nicht vor Wortneubildungen zurück. Denn wer nicht weiss, dass sich hinter einer «quantamentalen Managementstrategie» mit «konvexem Schutz» für globale und liquide Aktien wahrscheinlich nur ein potemkinsches Dorf versteckt, stellt auch keine kritischen Fragen.


Kein Wunder, wenden die perplexen Anleger ihre mentale Energie quantitativ lieber anderen als den Finanzthemen zu.

Veröffentlicht am 04. Dezember 2020 von Christian R. Weber
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